Die beste Wirtin der Schweiz
Von Hannes Nussbaumer. Aktualisiert am 24.12.2009

Am liebsten mag
sie es, wenn es «wie in einer Familie» zu und her geht: Marlies Schoch wird auch
an Heiligabend die Türen ihrer Beiz offen halten.
Bild: Doris Fanconi

Wer auf der Hundwiler Höhe steht, der möchte nicht mehr
weg. (Bild: Doris Fanconi)
Es gab Zeiten, da war die Schweiz umgeben
von Freunden. Inzwischen ist nichts mehr, wie es einst war. Deutschland, Italien
und Frankreich, ausserdem die arabische Welt, ganz zu schweigen vom Spezialfall
Libyen – alle sind mehr oder minder aufgebracht. Wohl sind die Gründe
verschieden, auch verschieden gut – doch das ändert nichts am Grundproblem:
Unser Ruf in der Welt ist ramponiert.
So stellt sich am Ende eines unerfreulichen
Jahres die Frage: Wie kommen wir da wieder raus? Wie kommen wir zurück zum
alten, guten Ruf? Wir fragten eine, die es wissen muss. Eine, in deren Haus seit
bald vierzig Jahren die Welt ein und aus geht. Eine, die weiss, wie man mit Land
und Leuten umgeht. Eine, die Aussenpolitik im Kleinformat betreibt: das eigene
Haus in Schuss hält und gleichzeitig offen ist für die Welt. Willkommen bei der
besten Wirtin der Schweiz.
Ein helvetischer Mikrokosmos
Den Besuch bei Marlies Schoch gibt es nicht
umsonst. Es gibt ihn nicht ohne Schweiss, nicht ohne Fussmarsch den steilen
Alphang hinauf – vom nächstgelegenen Parkplatz dauert er fünfzig Minuten. Manche
mögen darob fluchen, sofern sie vor lauter Keuchen noch dazu kommen. Doch oben
angekommen, geht es allen gleich: Wer auf der Hundwiler Höhe steht, auf 1309
Metern über Meer, der möchte nicht mehr weg.
Erstens der Lage wegen. Gegen Norden
erstrecken sich die Hügel des Appenzellerlands, in der Ferne liegt der Bodensee
und dahinter die Europäische Union. Im Süden erhebt sich die Alpsteinkette. Im
Westen reicht der Blick bei sichtigen Verhältnissen bis zu den Berner Alpen. Wer
auf der Höhe steht, ist erhaben.
Wie im Heimatfilm
Zweitens lassen einen die Beiz und ihre
Chefin nicht mehr los. Gäbe es Marlies Schochs Restaurant nicht in seiner
stolzen, fassbaren Präsenz – man würde es als Erfindung eines
Heimat-Schmachtfilms abtun. Eine urgemütliche Gaststube mit Kachelofen und
Holztischen. In der Mitte sitzt die Wirtin, vom NZZ-Folio unlängst zur
«Landesmutter» geadelt. So falsch ist die Bezeichnung nicht. Schochs Restaurant
ist so etwas wie ein helvetischer Mikrokosmos im Idealformat. Und die Chefin
dessen unbestrittenes Epizentrum.
Gefällt ihr der «Landesmutter»-Titel? Die
Augen im runden Gesicht blitzen lustig auf. «Ich denke nicht ewigs nach über
solche Sachen. Ich habe die Leute gern und nehme jeden so, wie er ist. Das tut
eine Mutter auch. Zwar mahnt und schimpft sie zwischendurch. Doch an der Liebe
ändert das nichts – auch dann nicht, wenn die Mahnung verpufft.»
Alle sind gleich
Idealformat hat der Höhi-Kosmos, weil hier
gilt, was sonst nur in der Theorie eine Eigenschaft der eidgenössischen
Direktdemokratie ist. Nämlich die republikanische Regel: Alle sind gleich. Bei
Marlies Schoch verkehren Bundesräte und Sozialfälle, Wirtschaftsführer und
Asylsuchende. Für alle ist sie da, allen hört sie zu. Denen unten hilft sie auf
die Beine; die oben holt sie vom hohen Ross. Und das 365 Tage im Jahr, und wenn
es sein muss 24 Stunden am Tag. Wenn jemand kommt und etwas braucht – Marlies
Schoch ist da.
Sie erzählt, wie vor einigen Tagen jemand
mitten in der Nacht am Fensterladen rüttelte. Er habe Durst, ob er ein Bier
bekomme. Natürlich bekam er es. Oder wie einer stundenlang neben dem Restaurant
auf dem Boden kauerte und sich kaum bewegte, bis sie ihn ansprach. Er hatte
Hunger und Durst, aber kein Geld. Sie lud ihn ein und erfuhr: Vor zehn Tagen war
er aus dem Berner Gefängnis Thorberg ausgebrochen und seither quer durch die
Schweiz gehetzt. Lange sprachen sie, der Ausbrecher und die Wirtin. Sie empfahl
ihm, sich zu stellen. Am Ende war er einverstanden, dass sie die Polizei anrief.
Sie versprach ihm: Sollte er es sich anders überlegen, bräuchte er nur die Hand
zu heben; sie würde dann den Telefonhörer sofort einhängen. Er hob die Hand
nicht und ging auch während der Stunde nicht, die es dauerte, bis die Polizisten
auf der Höhe anlangten.
Die Hundwiler Höhe als Klein-Schweiz, an
deren Wesen die Gross-Schweiz genesen könnte? Fest steht: Auf der Höhe steht ein
offenes Haus mit einer Chefin, für die das Leisten guter Dienste nicht Floskel,
sondern Selbstverständlichkeit ist.
Prominenter Besuch
Trotzdem ist ihr Haus nicht einfach eine
Sozialhilfestelle. Es ist eine Wirtschaft, die rentieren muss. Mit dem Ergebnis,
dass hier ein Publikum ein und aus geht, das verschiedener nicht sein könnte.
Einerseits: schlichte Ausflügler, wandernde Professoren, Politiker aller
Parteien, in den Siebzigerjahren tauchte eines Tages Bundesrat Gnägi auf. Immer
wieder kam Kurt Furgler vorbei. Auch Arnold Koller und Hans-Rudolf Merz sind
gelegentliche Gäste. Andererseits: Männer, deren Frauen sich verabschiedet
haben, Frauen mit Kindern, aber ohne Mann, Menschen mit Sorgen aller Gattung.
Sie alle kommen zu Marlies Schoch.
Auch an Heiligabend wird sie, selbst
kinderlos, die Türe offen halten. Sie wird etwas kochen. Sie wird eine gute
Flasche Wein öffnen. Vielleicht melden sich Gäste an; vielleicht kommt jemand
spontan. Die Wirtin weiss es nicht. Doch sie ist da.
Mit Naegeli auf der Höhe
Was ist es, das Marlies Schoch zum Magneten
macht? Sie antwortet: «Ich habe keine Ahnung, weshalb alle kommen.» Dann hat sie
doch eine Vermutung: «Vielleicht, weil ich ihnen zuhöre.» Sie denkt nach: «Ja,
zuhören – ich glaube, das kann ich.» Hinzu kommt: Die Wirtin hat weder Attitüde
und Duktus einer Sozialarbeiterin, noch ist sie Ideologin. Sie ist Pragmatikerin
durch und durch. Und sie vertraut auf den gesunden Menschenverstand.
Typisch, findet sie. Typisch für eine
Ausserrhoderin. Typisch für eine, die in der Kleinheit gross geworden ist und es
nach wie vor gern übersichtlich hat. Marlies Schoch mag keine grossen Theorien.
Sie hat es gern handfest. «Wenn man etwas anpacken kann und dann sieht, wie
Bewegung entsteht – das gefällt mir.» Marlies Schoch kam vor 69 Jahren in
Herisau zur Welt; seit 1971 wirtet sie ganzjährig auf der Hundwiler Höhe. Zuvor
war die Beiz (damals noch im Besitz ihrer Eltern) nur in den Sommermonaten
geöffnet – bis Tochter Marlies und ein paar Bekannte, darunter der spätere
Sprayer von Zürich, Harald Naegeli, beschlossen, versuchsweise auch den Winter
auf der Höhe zu verbringen. Naegeli habe sehr strukturiert gelebt, habe entweder
Schach gespielt, gemalt, auf der Gitarre gezupft oder gelesen. «Irgendwann sagte
ich ihm allerdings: Ich bin hier nicht der Lappi und arbeite den ganzen Tag,
während du herumhockst. Von da an half er mit.»
Mit roten Wangen
Klar, kurz, einfach und verbindlich: So hat
sie es gern. Man könnte daraus schliessen, Marlies Schoch selbst sei eine
Einfache, «en Äfachi», wie man hier sagt. Es wäre ein Fehlschluss – ein
Fehlschluss allerdings, der durchaus ins Bild passt, wenn man die Hundwiler Höhe
als Miniaturausgabe einer Ideal-Schweiz sehen will. Der Hang zu Bescheidenheit
und Zurückhaltung sowie die Einstellung, lieber unter- als überschätzt zu werden
– sie gehören zu Marlies Schoch wie ihre roten Wangen. Und sie sind gleichzeitig
sehr schweizerische Eigenschaften, die allerdings auch schon höher im Kurs
waren.
Marlies Schoch hat viel erlebt. Sie hat in
Neuenburg die Handelsschule besucht. Sie war Lehrerin in einem St. Galler
Bergtal. Sie half in den USA ein Lager für jüdische Kinder aus New York und New
Jersey leiten. Sie lebte nach dem Erdbeben in Agadir 1960 ein Jahr lang in
Marokko und engagierte sich beim Wiederaufbau.
Auch nachdem sie sich auf der Hundwiler Höhe
niedergelassen hatte, war sie nie bloss Wirtin. Ihr Interesse reicht weit. Jahr
für Jahr geht sie ans Filmfestival nach Locarno. Dort schaut sie sich von früh
bis spät Filme an. Ihre Äuglein beginnen zu leuchten, und sie sagt versonnen,
mehr zu sich selbst als zu ihrem Gegenüber: «Wenn ich in Locarno bin, bin ich
immer überglücklich.»
Das Wir-Gefühl
Ausserdem ist Marlies Schoch Mitglied des
Gemeinderats von Hundwil und dort zuständig fürs Soziale sowie
Vizegemeindepräsidentin. Sie ist seit vielen Jahren parteiloses Mitglied im
Ausserrhoder Kantonsparlament. Und sie engagiert sich im Komitee, das für die
Wiedereinführung der 1997 abgeschafften Ausserrhoder Landsgemeinde kämpft.
Die Landsgemeinde: «Das war der Tag, an dem
alle zusammenkamen, von Heiden bis Urnäsch», sagt Marlies Schoch. Gemeinsam habe
man gebetet, das Landsgemeindelied gesungen und schliesslich Politik gemacht.
«Das gab ein unheimliches Zusammengehörigkeitsgefühl.» Ein Gefühl, so wertvoll,
dass es sich lohne, für seine Wiedergeburt zu kämpfen.
Wenn Marlies Schoch spricht, spricht sie oft
vom «Wir-Gefühl». Nicht nur, wenn es um die Landsgemeinde geht. Auch wenn sie
über ihre Beiz redet. Oder von ihrem Halbkanton erzählt. Oder von Appenzell
insgesamt. Am liebsten mag sie es, wenn es «wie in einer Familie» zu und her
geht. Wenn man wohl zankt und streitet – oder wie sie sagt: «chöglet» – und doch
immer sonnenklar ist: Man gehört zusammen und schaut füreinander.
Im Himmelreich
So ist sie, deren Beiz nur ein paar Schritte
von der Grenze zu Appenzell Innerrhoden entfernt liegt, auch – ganz
Landesmutter! – so etwas wie die Instanz, welche die entzweiten Appenzeller
Familienteile verbindet. Den Einkauf für ihr Restaurant besorgt sie teils auf
der Ausser-, teils auf der Innerrhoder Seite. Auch die Gäste steigen von beiden
Seiten her zu ihr hoch.
Vor dem Fenster fällt der Schnee. Drinnen
macht man sich bereit für den Abmarsch. Zum Abschied erzählt Marlies Schoch:
Bevor sich die beiden Appenzeller Teile 1597 in zwei Halbkantone spalteten, habe
der Fleck, auf dem heute ihr Restaurant steht, «Himmelreich» geheissen. Nach der
Teilung hätten die Innerrhoder das Himmelreich verschoben, so dass es auf ihr
Territorium zu liegen kam. Die Ausserrhoder ersetzten den verlorenen Namen mit
dem prosaischen Hundwiler Höhe. «Kürzlich hat mir jemand erzählt, das Kloster
Appenzell habe damals alle bösen Geister hier hinaufgeschickt.» Marlies Schoch
lacht laut. «Die haben nicht mit mir gerechnet. Ich hab die Geister gleich
wieder fortgeschickt.»